Abstract. The author claims
that Diotima’s apparent fallacy as she infers that love is desire for
immortality is an invitation of Plato’s (through the literary form and
fictional character of the “Symposium”)
to reconstruct a meaning of “immortality” which can show Diotima’s inference as
a valid one. We can see this meaning represented in a curious narrative game
which Socrates plays in this section of the dialogue.
Die Behauptung, die Liebe richte sich
auf die Unsterblichkeit („Gastmahl“ 207a3 f.[i]), bietet ein sehr schönes
Beispiel dafür, wie sich Platon bisweilen auf einer Ebene bewegt, an die der
Leser zunächst nicht denkt. Manchmal kommt bei ihm alles auf das Wie an.[ii]
Ein scheinbarer Fehlschluss
Lasst uns zunächst sehen, wie diese
Behauptung eingeführt wird. Nachdem angenommen wurde, dass der Liebende das
Gute liebte, um es für sich zu haben, und derjenige, der das Gute für sich hat,
glückselig sein werde – und damit sei die Frage nach dem Zweck zu Ende –
(204e-205a), fragt Diotima Sokrates:
Dieser
Wille nun und diese Liebe – glaubst du, sie seien allen Menschen gemeinsam (κοινὸν ... πάντων ἀνθρώπων), und alle wollten das Gute immer für sich haben (πάντας τἀγαθὰ βούλεσθαι αὑτοῖς εἶναι ἀεί),
oder wie meinst du?
So, sagte ich: dass sie allen gemeinsam
sind.[iii]
(205a5-8)
Dort ist es klar, dass das ἀεί nur in Bezug auf βούλεσθαι einzuräumen ist:
phänomenologisch feststellbar ist nur, dass alle immer das Gute haben
wollen. Dies ist es übrigens, was Diotima meint, wie aus den beiden
Umständen ersichtlich ist, dass einerseits das ἀεί von dem κοινὸν
πάντων ἀνθρώπων heraufbeschworen
wird (so wie dieser Wille allen gemeinsam ist, so ist er auch allen
Augenblicken gemeinsam, also „immer“), und andererseits gleich darauf das
Folgende zu lesen ist:
Warum
nun, Sokrates, sagte sie, sagen wir nicht von allen, dass sie lieben,│ wenn
doch alle dasselbe lieben, und zwar immer (τῶν αὐτῶν ἐρῶσι καὶ ἀεί),
sondern von einigen sagen wir, sie liebten, von anderen aber nicht? (205a9-b2)
Das „immer“ (ἀεί) gilt eindeutig dem „lieben”
(ἐρῶσι), d. h. dem Wollen. Doch wörtlich ist gesagt worden, „alle
wollen das Gute immer für sich haben” (205a6 f.), als ob das „immer“ dem Besitz
des Guten gälte. So beginnt man, ohne es bemerken zu lassen, einen Schritt
vorzubereiten, dessen Begründung eher zweifelhaft sein wird:
...Kann man nun, sagte sie, so schlechthin sagen, dass die
Menschen das Gute lieben?
Ja,
sagte ich.
Wie? Muss man
nicht hinzufügen, sagte sie, dass sie auch lieben, das Gute zu haben?
Muss
man.
Und, sagte sie, nicht nur zu haben, sondern auch immer (ἀεὶ) zu
haben?
Auch
das muss man hinzufügen.
Dann
ist die Liebe – um zusammenzufassen – sagte sie, dazu, das Gute
immer für sich zu haben ( τοῦ
τὸ ἀγαθὸν αὑτῷ εἶναι ἀεί).
Völlig
wahr, was du da sagst, sagte ich. (206a3-13)
Dover hat durchaus Recht, wenn er
bemerkt, das Hinzufügen des ἀεί (a9 ss.) „does not rest on reasoning
at all”[iv], sondern stützt sich nur auf den
zweideutigen Satz von 205a, den wir schon gesehen haben. Dies macht die
Schlussfolgerung zu einem Fehlschluss.[v] Auch wenn man das ἀεί noch verstehen könnte in dem
Sinne von ,in jedem Augenblick (unseres Lebens)‘ – und eigentlich ist es nicht
ersichtlich, wie der durchgängige Wunsch zum Guten sich vom Wunsch
unterscheiden ließe, das Gute in jedem Augenblick zu besitzen –, so setzt sich entschieden
der Fehlschluss-Charakter seit dem Moment durch, da Diotima 207a1-4 daraus
folgert, die Liebe richte sich auf die Unsterblichkeit, denn, dass wir immer,
d. h. in jedem Augenblick unseres Lebens, das Gute besitzen wollen, bedeutet
keineswegs, dass wir wünschen, dass dieser Besitz und dieses Leben nie
aufhören.
Diese sind nun die Befunde, die uns
bis hierher der Text bietet. Dover zieht daraus folgende Konsequenz:
„Throughout this section Plato uses the art of rhetoric more subtly than when
he is caricaturing the verbal sophistries of others [...], but no more
honestly.”[vi] Nun werden wir sehen, dass dieser
Tadel nicht ganz berechtigt ist:[vii] Bis hierher sind schon im
Dialog gewisse Dinge erschienen, von denen man nicht ohne weiteres absehen
kann, denn sie rahmen diese im Prinzip fehlschlüssige Folgerung ein.
So bemerkt Sokrates eingangs des
Symposions, als der Vorschlag gemacht wird, jeder Teilnehmer solle eine Lobrede
auf den Eros halten, er verstehe sich auf nichts anderes als eben darauf (177d7 f.), und doch
erbittet er sich, als er an der Reihe ist, zunächst den letzten der Redner,
Agathon, zu befragen, und nicht einmal dann, als er ihn überführt hat, nimmt er
die Urheberschaft der Rede auf sich, die er im Begriff ist zu halten, sondern
kündigt an, er werde jene Rede referieren, die er einmal über die Liebe eine
gewisse Person, Diotima aus Mantineia, halten hörte. Hinsichtlich dieser Person
bestehen nun diese beiden Gründe für das Befremden: Zum einen informiert
Sokrates seine Symposion-Genossen darüber, dass Diotima einmal den Athenern
gewisse Opfer vorschrieb, durch die sie zehn Jahre lang die Pest aufschieben
konnten (201d3-5), und dies zeigt, dass er davon ausgeht, dass sie über diesen
Umstand nichts wissen, wo sie doch – wie er weiß – alle Athener sind.[viii] Zum anderen sagt er, Diotima habe
ihn die Dinge der Liebe gelehrt (201d5), woraus man unter Berücksichtigung von
177d7 f. entnehmen kann, dass er sich auf nichts anderes versteht, denn auf
das, was ihn einmal Diotima lehrte. Werden wir dann behaupten müssen, Diotima
lehrte Sokrates das sokratische διαλέγεσθαι? Es wäre nicht so leicht,
die Worte einer so eigentümlich eingeführten Person dem Verfasser der ganzen
Fiktion zuzuschreiben. Verständlicher ist dagegen ein gewisses Zusammenfallen:
Dass Sokrates die Rede der Diotima so referieren kann, dass er mit dem ansetzt
oder an das anschließt, worauf er sich eben mit Agathon geeinigt hat (201d6
f.), könnte darauf zurückzuführen sein, dass auch ihn Diotima zunächst einer
Befragung unterzogen hätte (e3), bei der er den herkömmlichen,
unphilosophischen Standpunkt vertreten hätte, den nun Agathon vertritt (vgl.
e3-5) – was auch verständlich macht, dass er Agathon dadurch überführt hat,
dass er die Argumente wiederholte, mit denen ihn Diotima einmal überführt hatte
(e6). Dieses Zusammenfallen wird uns also nicht dazu dienen, die Worte der
Diotima zu relativieren, doch es wird in anderer Hinsicht entscheidend sein.
Phänomenologische
Interpretation
des scheinbaren Fehlschlusses
Wir sind dahin gelangt, dass der
Übergang von der Behauptung, die Liebe bzw. der Wunsch richte sich immer
darauf, das Gute zu besitzen (oder vielleicht: die Behauptung, dass wir immer
wünschten, das Gute zu besitzen), zu dem Schluss, wir wünschten, das Gute immer
zu besitzen, durchaus wie ein Fehlschluss aussieht. Wir sind aber dabei, einen
Text zu lesen, der vielleicht seine Gründe haben könnte, nicht so leicht
verständlich zu sein. Es könnte sein, dass er uns auf Dinge hinweisen wollte,
die, obwohl sie immer vor unseren Augen liegen, oder vielmehr eben deshalb, uns
nie aufgefallen sind. Wir werden deshalb zunächst mit der Hypothese arbeiten,
dass hier die Worte eine andere Bedeutung haben, und zwar eine, in der der
scheinbare Fehlschluss keiner ist; die entsprechende Prüfung wird darin
bestehen, zu sehen, ob diese Bedeutung phänomenologisch ist, sprich: ob sie uns
Dinge der eben erwähnten Beschaffenheit ,sichtbar macht‘. So werden wir uns
zuerst an den Ausgangspunkt des scheinbaren Fehlschlusses wenden und uns
fragen, warum man erwähnen muss, dass die Liebe bzw. der Wunsch sich ,immer‘ auf
das Gute richte. Oder vielleicht besser: warum man erwähnen muss, dass wir
,immer‘ irgendeinen Wunsch nach dem Guten haben. Von den beiden Formulierungen
aber schließt sich die erste von selbst aus, denn in ihr lässt sich das ,immer‘
ohne Sinnverlust auslassen, aber – warum sollte man bemerken, dass es einen
Wunsch (der sich natürlich irgendwie immer auf das Gute richtet) ,immer‘ gibt?
In dieser Hinsicht kommt eine Textstelle des „Gastmahl“ in Betracht, die wir im
Gespräch zwischen Sokrates und Agathon finden – nach dem im vorigen Absatz
Gesagten ist dies nur natürlich: Es handelt sich um jene Stelle, wo es an den
Tag kommt, dass man sich nicht wünschen kann, was man schon besitzt:
Denn wenn einer, der stark ist, stark sein wollte, habe
Sokrates gesagt, und wer schnell ist, schnell, und wer gesund, gesund ... Denn
vielleicht könnte jemand in diesen und all dergleichen Fällen meinen, dass
diejenigen, die │schon so beschaffen sind und es schon haben, doch dieses, was
sie haben, auch begehren: damit wir uns also nicht täuschen, deshalb sage ich
das. Denn sie, Agathon, wenn du es bedenkst, haben notwendig in der Gegenwart
jegliches von diesen Dingen, die sie haben, ob sie nun wollen oder nicht. Und
wer könnte das wohl noch begehren? Sondern, wenn einer sagt, ich, der ich
gesund bin, will auch gesund sein, und ich, der ich reich bin, will auch reich
sein, und begehre eben das, was ich schon besitze, so würden wir ihm sagen: Du,
│Mensch, der du Reichtum besitzest und Gesundheit und Stärke, willst eben dies
auch für die folgende Zeit besitzen; denn in der jetzt gegenwärtigen, ob du
willst oder nicht, hast du es ja. So sieh zu, ob du, wenn du sagst, ich begehre
das Gegenwärtige, etwas anderes meinst als dies: ich will, dass das jetzt
Gegenwärtige mir auch für die folgende Zeit gegenwärtig sei. Das würde er
zugeben, oder?
Dem
habe Agathon zugestimmt.
So habe Sokrates
gesagt: Also auch dies heißt dasjenige lieben, was noch nicht vorhanden ist und
man noch nicht hat, nämlich, dass einem für die folgende Zeit diese Dinge
erhalten und gegenwärtig bleiben?
│
Ja, gewiss, habe er gesagt. (200b9-e1)
Der Wunsch danach, das
weiterhin zu besitzen, was man jetzt besitzt, ist also kein Wunsch nach dem,
was man schon besitzt, denn das Zukünftige besitzt man noch nicht. Eine Zukunft
nun gibt es das ganze Leben lang. Dies ergibt sich daraus, dass wir nur
nachträglich, im Präteritum, feststellen können, dass etwas zum letzten Mal
geschieht, so dass streng genommen kein einziger Augenblick als der letzte,
ohne Zukunft, erscheinen kann. Eine wichtige Folgerung daraus ist, dass wir, solange wir
leben, keine vollkommene Glückseligkeit haben können, denn, hätten wir sie,
dann würden wir uns wünschen, sie weiter zu haben – niemand ist bereit, eine
vollkommene Glückseligkeit zu verlieren –, und gerade das wäre der Beleg dafür,
dass uns noch etwas fehlt und unsere Glückseligkeit nicht vollkommen ist.[ix] Das Gute fehlt uns also in gewisser
Hinsicht ,immer‘. Nun – was ist die wesentliche Ursache dieses Zustandes
ständigen Mangels? Dass unser Leben noch nicht fertig, noch nicht vollständig
ist: es bleibt, oder fehlt, ein noch zu entscheidender und zu bestimmender Rest
(λοιπόν[x]): ein Rest von Unbestimmtheit. Denn
solange das Leben noch im Gange ist, bedroht dieser Rest von Unbestimmtheit,
den die Zukunft darstellt, jeden eventuellen Charakter von ,Gutem‘, den wir
einem beliebigen Ding zuschreiben könnten.[xi] Nur dann, wenn das Spiel
schon entschieden und abgeschlossen ist – wenn das Leben schon seine endgültige
Gestalt bekommen hat –, kann jedes Ding wirklich Bestimmtheit aufweisen. Diese
jetzige Unbestimmtheit des – noch nicht ganzen – Lebens ist also der
wesentliche Mangel, derjenige, der sich nie befriedigen lässt: es fehlt uns
immer – dass das Leben ganz bzw. vollständig ist. Wenn wir nun in Betracht
ziehen, dass ‚das ganze Leben‘ = ‚immer‘ ist, dann müsste sich dies durch den
Satz ausdrücken lassen, was uns fehle, sei ,Immer‘, ἀεί (hier substantiviert).[xii] Wenn wir ferner sagen
dürfen, was uns fehle, solange wir leben, sei ‚Immer‘, dann brauchen wir uns
nur zu entsinnen, kraft dieses wesentlichen Mangels fehle uns in jedem
Augenblick irgendetwas, irgendein Gutes, um zum Schluss zu gelangen: weil
uns wesentlich ,Immer‘ fehlt, deshalb fehlt uns immer etwas. Dass uns immer
etwas fehlt, ist also Indiz oder Zeichen dafür, dass uns ‚Immer‘ fehlt. Nun
scheint es erlaubt zu sein, aus dem Indiz die wesentliche Ursache zu folgern.
Diotima beging also keineswegs einen Fehlschluss, als sie sich darauf stützte,
dass wir immer dabei sind, irgendein Gutes zu wünschen, um auszusagen, dass
sich die Liebe, der Wunsch, darauf richte, das Gute ‚immer‘ zu besitzen: Jedes
Mal, wenn wir etwas wünschen – denn wir wünschen es sub specie boni –,
lässt sich in der Tat sagen, wir wünschten es im Grunde genommen als ein von
der Ganzheit des Lebens her Bestimmtes, so dass, was wir wirklich immer
wünschen, eben diese Ganzheit des Lebens ist.
Der Versuch, den scheinbaren
Fehlschluss als gültige Folgerung zu interpretieren, hat also die Argumente von
Sokrates und Diotima als phänomenologische Feststellungen erscheinen lassen,
die uns im erwähnten Sinn ,Dinge sichtbar machen‘: Die Hypothese hat sich
bestätigt. Nun hat das ,immer‘ in Diotimas Mund einen neuen Sinn bekommen, der
uns dazu zwingt, unter ,Unsterblichkeit‘ diese Bestimmtheit, Ganzheit oder
Vollständigkeit des Lebens zu verstehen, ohne die kein Gutes der Zweideutigkeit
entbehrt. Der neue Begriff ist paradox genug, um zu verdienen, dass wir uns
einen Moment mit ihm aufhalten.
Zunächst ist zwar festzustellen, dass
diese Unsterblichkeit nur im Tod stattfindet[xiii], doch – was ist der Tod, ‚mein‘ Tod?
Wenn er – wie es bei irgendeiner seiner landläufigen Trivialisierungen der Fall
ist – als ein Ereignis aufgefasst wird, das man ,erlebt‘ oder einem
,widerfährt‘, so widerfahren einem nach einem solchen ,Tod‘ noch weitere Dinge:
man ist das Noch-nicht, den Zustand der Unvollständigkeit, nicht losgeworden,
so dass man im Grunde genommen noch am Leben bleibt. Soll das Leben endlich sein können, so wird es diese
Endlichkeit nur in der Form einer Gestalt bzw. Vollständigkeit – in der Form des ,Immer‘, der ,Unsterblichkeit‘ –
bekommen, die ihm ein Tod gewährt, der nicht mehr ein Ereignis, nicht mehr
etwas ,Erlebtes‘ oder im Leben Gegebenes ist. So kann es vom sterblichen Leben
zur Unsterblichkeit keinen Übergang geben: ,Übergang‘ impliziert Kontinuität
innerhalb der Zeitfolge, d. h. er impliziert ,noch nicht‘: er bleibt also noch
auf der Seite des immer unvollständigen Lebens gefangen[xiv]. Deshalb muss die Unsterblichkeit,
wenn überhaupt, nur gleichsam in einem Sprung in die Leere stattfinden, d. h.
in einem Bruch mit dem Noch-nicht und somit mit der Zeitfolge, der der Tod zu
sein scheint. Wenn die Unsterblichkeit aber kein Noch-nicht und somit keine
Zeitfolge zulässt, werden wir sie als ein Alles-auf-einmal verstehen müssen: in
ihr ist die Zeit sozusagen abgeschafft worden. Dies ist nun der
Unsterblichkeitsbegriff, den wir kraft der Notwendigkeit des Gedankens in den
Worten der Diotima erkennen müssen. Er weicht jedoch so weit vom unmittelbaren,
trivialen Sinn des Wortes ab, dass wir unsere Rekonstruktion in der Schwebe
lassen werden, bis sie vom Text selbst bestätigt wird. Es ist also geboten,
jene Passagen im „Gastmahl“, in denen gesagt wird, die Liebe richte sich auf
die Unsterblichkeit, daraufhin zu prüfen, ob sie irgendeine Dokumentation
dieses im wörtlichen Sinne ‚paradoxen‘ Charakters enthalten: des Bruchs mit dem
Noch-nicht, des Alles-auf-einmal. Nur müssen wir in Betracht ziehen, dass, dem
Inhalt nach, in diesen Passagen die Unsterblichkeit als etwas immer Angestrebtes und nie Erreichtes behandelt wird,[xv]
wo die Dokumentation, die wir suchen, nur den Zustand des Erreicht-habens,
die Erfüllung des Lebenszwecks bzw. die
‚Glückseligkeit‘ betrifft. Und der Form nach? Denn wir sollten auch die Form
berücksichtigen, in der uns dieses Gespräch vorliegt (bei Platon würde sich
erübrigen, es zu sagen, doch die sehr eigentümliche Art und Weise, wie die
Gestalt Diotima eingeführt worden ist, bringt uns darüber hinaus dazu, etwas in
dieser Hinsicht zu erwarten). Da wir ferner einen paradoxen Charakter zu
dokumentieren versuchen, werden wir uns nicht vom befremdenden Anschein dessen abschrecken
lassen, was wir wohl finden werden, denn Paradoxes kann nur als Bruch,
Zerrissenheit, scheinbare Inkohärenz erscheinen. Lasst uns nun ab der
Übereinkunft darüber lesen, dass die Liebe sich darauf richte, das Gute immer
zu besitzen:
Prüfung der Interpretation:
die ,Unsterblichkeit‘ im Bericht des Sokrates
206A11 Dann ist die Liebe, um zusammenzufassen, sagte sie,
dazu, das Gute 12immer für sich zu haben.
13 Völlig
wahr, was du da sagst, sagte ich.
│B Da also die Liebe immer dies ist, sagte
sie, auf welche Weise es zu 2verfolgen und bei welchem Tun könnte man
diesen Eifer und diese Anstrengung 3Liebe nennen? Was für ein Werk
ist dieses, kannst du mir 4sagen?
5 Dann würde ich dich, sagte
ich, Diotima, nicht wegen deiner Weisheit bewundern 6und zu
dir kommen, um eben dies zu lernen.
7 So will ich es dir sagen,
sprach sie. Es ist dies nämlich die Geburt im 8Schönen, sowohl dem Körper als
auch der Seele nach.
9 Der Seherkunst bedarf das,
sprach ich, was du da sagst, und ich 10verstehe es nicht.
│C Nun werde ich also, sprach sie,
deutlicher reden. Schwanger nämlich, sagte sie, 2Sokrates, werden alle
Menschen sowohl dem Körper als auch der 3Seele nach, und, sobald sie in
ein gewisses Alter gekommen sind, 4wünscht unsere Natur zu gebären.
Gebären aber kann sie im Hässlichen nicht, 5sondern nur im Schönen. Das 5-6Zusammensein
von Mann und Frau nämlich 6ist Geburt. Es ist dies aber eine göttliche
Sache, 7und
das ist in einem Lebenden, der sterblich ist, als etwas Unsterbliches
enthalten, die Schwangerschaft 8und die Erzeugung. Das aber kann im
Ungemäßen unmöglich geschehen,│D und ungemäß
ist das Hässliche allem Göttlichen, das 2Schöne aber gemäß. Eine
schicksalsbestimmende und geburtshelfende Göttin ist also die Schönheit 3für das
Entstehen-und-Werden. Deshalb – wenn sich Schönem das Schwangere nähert, 4wird es
heiter und zerfließt in Freude 5und gebärt und erzeugt; wenn aber
Hässlichem, so zieht es sich finster 6und betrübt in sich zusammen und
wendet sich ab und schrumpft ein 7und erzeugt nicht, sondern hält
seine Frucht zurück und trägt sie schwer. Daher 8entsteht also im
Schwangeren und schon Strotzenden die große Erregung │E über das Schöne, weil es seinen Besitzer von
großen Wehen befreit. 2Denn die Liebe, Sokrates, sagte sie, ist
gar nicht Liebe zum Schönen, wie 3du meinst.
4 Sondern wozu denn?
5 Zu der Erzeugung und der
Geburt im Schönen.
6 Mag sein, sprach ich.
7 Ganz gewiss, sagte sie. Warum aber zur Erzeugung? Weil 8die
Erzeugung etwas Immerseiendes ist und Unsterbliches, wie es im Sterblichen sein
kann.│207 Nach der Unsterblickeit aber zu streben
mit dem Guten, ist notwendig infolge des schon 2Eingestandenen, wenn doch die
Liebe dazu ist, das Gute immer für sich zu haben. 3Notwendig
also 3-4ist
nach dieser Rede die Liebe auch zur Unsterblichkeit.
5 All dies lehrte sie mich
also, wenn sie von den Dingen der Liebe 6zu reden pflegte, und einmal
fragte sie: Was meinst du, Sokrates, 7dass die Ursache dieser Liebe
und dieser Begierde ist? Oder 8merkst du nicht, in welch gewaltsamen
Zustand alle Tiere versetzt werden, wenn sie 9zu erzeugen begehren, sowohl die
zu Fuß Gehenden als auch die Geflügelten, wie sie alle in einen kranken│B und verliebten Zustand geraten,
zunächst darauf hin, sich miteinander 2zu vermischen, und dann bei der
Ernährung des Entstandenen, 3und bereit sind, für dieses zu kämpfen, sogar
die Schwächsten 4gegen die Stärksten, und dafür zu sterben, indem sie sich
selbst vom 5Hunger
quälen lassen, um nur jenes großzuziehen, und sonst alles Mögliche 6tun?
Denn bei den Menschen, sagte sie, könnte man annehmen, dass sie 7aus
Berechnung so handeln, bei den Tieren aber, was ist die Ursache, │C in solch
verliebten Zustand zu geraten? Kannst du mir das sagen?
2 Und ich sagte wieder, ich
wisse es nicht. Da sprach sie: Denkst du 3nun je der Dinge der Liebe
kundig zu werden, wenn du das nicht 4einsiehst?
5 Aber eben deshalb, Diotima,
wie ich soeben sagte, bin ich ja zu 6dir gekommen, weil ich weiß,
dass ich Lehrer brauche. Sage mir also 7die Ursache dafür und für alles,
was sonst mit den Dingen der Liebe zu tun hat.
8 Wenn du also glaubst, sprach sie,
dass die Liebe von Natur dazu ist, 9worüber wir uns schon
viele Male verständigt haben, so wundere dich nicht. Denn hier │ D sucht die sterbliche Natur in
demselben Sinn wie dort nach Möglichkeiten, 2immer zu sein und unsterblich. Sie vermag es aber nur auf diese Weise,
durch das 3Entstehen-und-Werden, dass immer ein
anderes Junges anstelle des Alten zurückbleibt. ...
Wir können bereits unser
Lesen unterbrechen, denn das schon Gelesene reicht wohl dazu, den paradoxen
Unsterblichkeitsbegriff bestätigt zu finden, den wir rekonstruiert haben. Gerade
mit Bezug auf die Unsterblichkeit meldet sich übrigens in der Erzählung des
Sokrates eine gewisse Zurückhaltung. Denn er berichtet immer von seiner
Reaktion auf die Belehrungen der Diotima – mit einer einzigen Ausnahme:
diejenige, die die Aussage betrifft, die Liebe sei Liebe zur Unsterblichkeit
(207a3 f.). Dies weist darauf hin, dass in der Bejahung bzw. Verneinung dieses
Satzes irgendein Problem bestehen könnte – das Wort ,Unsterblichkeit‘ ist wohl
alles andere als selbstverständlich. Werden wir ebenda die Bestätigung finden
können, deren wir bedürfen, die Dokumentation des Charakters, den wir als
,Bruch mit dem Noch-nicht‘ und ,Alles-auf-einmal‘ ausdrückten? Allerdings: Sie
ergibt sich aus dem erzählerischen Spiel, das Sokrates eben in diesem Augenblick
beginnt: Es ist sicher kein Zufall, dass
wir, indem wir einen ,Bruch‘ suchten, zunächst den Sokrates dabei erwischen,
eine Zäsur an diesem Punkt seiner Erzählung zu setzen, gleichsam ein
,Verblassen zu Schwarz‘, das sich zuerst am eben erwähnten Ausfallen der
Wiedergabe seiner Reaktion meldet und dann daran, dass diesem Ausfallen ein
neuer Beginn folgt: „Alles dies lehrte sie (ἐδίδασκε 207a5) mich also, wenn sie von den Dingen der Liebe
zu reden pflegte (λόγους ποιοῖτο a5 f.), und einmal fragte sie (ποτε
ἤρετο a6)“:
Sokrates tut in seinem Spiel so, als ob das bislang referierte Gespräch nur ein
Beispiel für Wiederholtes bzw. Gewöhnliches wäre, und eben dieser Bericht von
Wiederholtem oder Gewöhnlichem würde nun durch die Erzählung von etwas
abgelöst, das sich nur einmal ereignet hat: die als unvollständig, als sich
noch entwickelnd vorgestellte Handlung des Imperfekts geht in die als einmalig
vorgestellte Handlung des Aorists, der Verlaufs-Aspekt (Präsens) in den
Vollzugs-Aspekt (Aorist) über. Dies ist noch nicht der Bruch mit dem
Noch-nicht, denn es betrifft nur die grammatikalische ,Betrachtungsweise‘, doch
bedenken wir zunächst Folgendes: Das ,All dies lehrte sie mich und einmal
fragte sie‘ hat die Wirkung, dass der zeitliche Zusammenhang dessen, was der
Zäsur folgt, mit dem, was ihr vorausgeht, völlig unbestimmt, in der Schwebe
bleibt: wie sollen wir uns ihn vorstellen? All dies beginnt, suspekt zu werden.
Und diese Unbestimmtheit des zeitlichen Zusammenhangs zwischen den beiden
Seiten der Zäsur wird dazu ausgenutzt, dass zwei rückwärts gerichtete Verweise
nebeneinander bestehen können, deren Vereinbarkeit nicht ganz einleuchtend ist.
Wenn wir einerseits die Zeilen 206b5 f. im Gedächtnis behalten haben, werden
wir durchaus verstehen, dass Sokrates auf Diotimas Tadel, er wisse nicht auf
eine gewisse Frage zu antworten, erwidern kann: „Aber eben deshalb, Diotima,
wie ich soeben (νυνδή c5) sagte, bin ich ja zu dir gekommen, weil ich weiß,
dass ich Lehrer brauche” (207c5 f.). ,Soeben‘ meint ohne Zweifel 206b5 f.
mitsamt den Verständnisschwierigkeiten des Sokrates (b9 f.) während der
Darstellung, die eben in den Satz mündet, die Liebe richte sich auf die
Unsterblichkeit. Wenn wir uns andererseits der Zeilen 206e7-207a4 entsinnen,
die mit dem gerade erwähnten Satz enden, werden wir auch keine Schwierigkeiten
haben, im Vorhergehenden etwas von dem zu finden, was Diotima in ihrer nächsten
Intervention mit den Worten formuliert, „dass die Liebe von Natur
dazu ist, worüber wir uns schon viele Male verständigt haben“ (207c8 f.), d. h.
dass „die sterbliche Natur [...] nach Möglichkeiten sucht, immer zu sein und
unsterblich“ (d1 f.). Nur etwas von dem, denn damals konnten wir von den vielen
Malen, bei denen die Übereinkunft zu Stande kam, natürlich nur eins mitbekommen
– nun wird uns also enthüllt, was uns Sokrates mit seinem ,Verblassen zu
Schwarz‘ verheimlichte [xvi]. Wir können sogar genau bestimmen,
um was für ein Mal es sich dabei handelte, denn sowohl jene
Verständnisschwierigkeiten des Sokrates wie auch das Fehlen jeder Erwähnung
voriger Übereinkünfte machen deutlich genug, dass es sich um das erste Mal
handelte. Ein Mal also, nach dem es noch ,viele Male‘ geben sollte. Nun eben
auf jene Verständnisschwierigkeiten bzw. auf ihren sprachlichen Ausdruck kann
sich jetzt Sokrates mit seinem „wie ich soeben sagte“ beziehen. Es leuchtet
bereits ein, was nach der erzählerischen Zäsur aufscheint: Dass etwas, nach dem
es ,viele Male‘ gegeben hat, ,soeben‘ eingetreten ist: genau das, was wir uns
wünschen können, wenn ein Alles-auf-einmal dargestellt werden soll; genau das,
was erforderlich ist, wenn man diesen Bruch mit der Zeit des Noch-nicht, der im
Übergang vom Imperfekt zum Aorist nur grammatikalisch skizziert ist, wirklich
darstellen soll. Kraft der zeitlichen Paradoxie, die es nach sich zieht, stellt
das von Sokrates eingeführte ,Verblassen zu Schwarz‘ jenen Bruch mit dem
Noch-nicht bzw. mit der Zeitfolge – den Tod – dar, jenen Bruch, in dem die
Vollständigkeit bzw. das Alles-auf-einmal besteht, das uns die Notwendigkeit
des Gedankens aufzwingt, hinter Diotimas Wort ,Unsterblichkeit‘ zu entdecken.
Eine gewisse Gewohnheit bringt in
diesen Fällen dazu, in denen die Kohärenz des Textes im Prinzip zerreißt, zu
vergessen, dass diese Kohärenz nur im Text und gemäß seinen eigenen Gesetzen zu
finden ist, und zu versuchen, sie auf ,Wirklichkeiten‘ zu gründen, die im Text
weder sich feststellen lassen noch irgendeine Geltung haben. So pflegt man mit
Bezug auf unsere Textstelle anzunehmen, das berichtete Gespräch folge in der
,Wirklichkeit‘ der Treffen zwischen Sokrates und Diotima auf ein anderes
Gespräch, das sehr ähnlich dem wäre, das vor der Zäsur referiert worden ist[xvii], so dass das „soeben“ nicht auf die
unmittelbar vorhergehende Seite verweisen würde. Ein solches Verfahren kommt
aber nicht in Frage. Die Gestalt Diotima muss, wenn man die Art und Weise ihrer
Einführung in Betracht zieht, eine Erfindung von Sokrates sein, so dass der
gesamte Bericht ihrer Gespräche mit ihm eine Fiktion ist: er beabsichtigt
nicht, irgendein wirkliches Ereignis darzustellen, sondern nur Kohärenz und
Plausibilität als Erzählung zu besitzen. Und sogar angenommen, die Gestalt Diotima
wäre wirklich, so ist ein Prinzip der erzählerischen Ökonomie einzuhalten, das
für jede Erzählung gilt, denn Erzählung ist immer Auswahl, und kein Erzähler
ist dazu verpflichtet, wirkliche Details wiederzugeben, nur weil sie wirklich
sind. Noch mehr: wenn sie einen falschen Sinn nahe legen, wie es hier wäre –
falls Sokrates sich auf ein anderes Gespräch bezöge – , an die unmittelbar
vorhergehende Seite zu erinnern, dann hat er die erzählerische Pflicht, sie
auszulassen. Jene gewöhnliche Annahme ist also nichts anderes als ein Verfahren
ad hoc: auf diese Weise ließe sich alles Denkbare in jeden beliebigen
Text hineinlesen. Es ist also nicht zu leugnen, dass die Kohärenz des Textes
auf einer gewissen Ebene zerreißt. Dies ist eigentlich, was Dover entdeckt, als
er bemerkt, der Verweis „wie ich soeben sagte“ impliziere, die Zeilen 207a5 f.
(die erzählerische Zäsur) zu ignorieren.[xviii] Nur schade, dass er es nicht
für nötig hält, mit solchen Befunden etwas anzufangen, als ob sie nur auf
Platons Versehen zurückzuführen wären, und wir uns somit erlauben könnten, sie
auch selber mit Nachlässigkeit zu behandeln. Doch bei Platon ist alles aufs
Genaueste berechnet: es ist von größter Wichtigkeit, sich nicht zu übereilen,
eventuelle ,Risse‘ zu flicken, denn sie sind die Zeichen, die uns auf eine
wesentlichere Kohärenz auf einer tieferen Ebene hinweisen.
Schluss
Im erzählerischen Spiel des Sokrates
wird also der Unsterblichkeitsbegriff dargestellt, den wir in den Worten der
Diotima zu erkennen glaubten. Unsere logische Rekonstruktion dieses Begriffs
ist vom Text bestätigt worden.
Zum Schluss werden wir noch auf eine
Besonderheit in der Darlegung der „letzten und heiligsten Mysterien“ (τέλεα
καὶ ἐποπτικά,
210a1) der Liebe hinweisen, die sich auf Grund dieser Rekonstruktion erklären
lässt. Um dieser τέλεα καὶ ἐποπτικά willen (ὧν
ἕνεκα, ebenda) finde
das vorher Dargelegte statt, wenn man es richtig betreibe, und so beginnt
Diotima mit einer Beschreibung dieser richtigen Art und Weise, es zu betreiben.
Es werden da mehrere Stufen durchgegangen, bis man, schon zur Vollendung (πρὸς
τέλος, 210e3 f.)
in der Liebeskunst kommend, plötzlich (ἐξαίφνης, e4) die Schönheit selbst
erblickt, um derentwillen (οὗ ἕνεκα, 210e5-6) all die vorigen Bemühungen
da waren. Wenn Diotima, nach einer Beschreibung der Eigentümlichkeit, die dem
Wesen der Schönheit selbst zukommt (211a-b), zu einer Rekapitulation jener
richtigen Art und Weise kommt, da taucht im Höhepunkt anstatt eines „plötzlich“
die doppelte Erwähnung eines ,Endens‘ (τελευτᾶν) auf; es wird
unsere Aufmerksamkeit verdienen, was danach zu lesen ist:
... bis man von den Kenntnissen endlich (τελευτῆσαι) zu jener Kenntnis gelangt, die von
nichts anderem Kenntnis ist als eben von jener Schönheit selbst, und man also
endlich (τελευτῶν) jenes selbst,
was schön ist, erkennt. │ An dieser Stelle des Lebens (ἐνταυθα τοῦ βίου), lieber
Sokrates, sagte die Fremde aus Mantineia, wenn überhaupt irgendwo (εἴπερ που ἄλλοθι), ist es für den Menschen erst
lebenswert, indem er die Schönheit selbst schaut. ... (211c6-d3)
So wie es dem erzählerischen Spiel
des Sokrates gelang, in seinem Bericht gleichsam eine Abschaffung der Zeit nahe
zu legen, so vermeidet Diotima, sich auf die Endstufe mit Worten zu beziehen,
die Zeit implizieren, und benutzt stattdessen räumliche Redewendungen, wie es
aus εἴπερ που ἄλλοθι (d2) klar ist: Warum nicht εἴπερ
ποτε ἄλλοτε?[xix] Dieses Vermeiden der Erwähnung einer
,Zeit‘ ist nach unserer Rekonstruktion des Unsterblichkeitsbegriffs alles
andere als befremdlich – und nur auf dieser Endstufe ist es, wo die
Unsterblichkeit erreicht werden könnte:
Oder
denkst du dir nicht, dass dort allein (ἐνταῦθα ... μοναχοῦ) es ihm gelingen wird, indem er
sieht, womit man die Schönheit sehen muss, nicht Abbilder der Tugend zu
erzeugen, weil er auch nicht ein Abbild berührt, sondern Wahres, weil er die
Wahrheit berührt?
Wer aber wahre Tugend erzeugt und aufzieht, dem ist vergönnt, gottgeliebt zu
werden und, wenn überhaupt einem Menschen, dann gewiss auch ihm, unsterblich (ἀθανάτῳ) zu sein. (212a2-7)
Auf diese Weise endet die Rede der Diotima,
und jetzt ist es erst recht ausgeschlossen, dieses ,unsterblich sein‘, das
wohlgemerkt Glückseligkeit darstellt, als ein ,leben und immer weiter leben,
ohne jemals aufzuhören‘ aufzufassen, denn gerade dies würde nur dazu führen,
den das sterbliche Leben kennzeichnenden Zustand des Noch-nicht – sprich: des
wesentlichen Fehlens, der wesentlichen Unglückseligkeit – bis hin ins
Unendliche hinauszuziehen. Vielleicht lässt sich sogar auf diese Weise
verstehen, weshalb diese Vollendung, dieses Das-Ziel-erreicht-Haben,
,Unsterblichkeit‘ genannt wird. Denn aus den vorher angegebenen Gründen wird
klar, dass eine solche Vollendung nur in einer Vollständigkeit des Lebens
stattfinden kann, die mit dem Tod gegeben ist, und somit können wir nicht
umhin, an den Worten ,an dieser Stelle des Lebens, wenn irgendwo, ist es für
den Menschen erst lebenswert‘, den Gedanken zu erkennen, den Herodot[xx] Solon in den Mund legte (und Solon
dem Gott zuschrieb): es sei einem Menschen besser, tot zu sein, als zu leben,
wohlgemerkt, die jetzt verwendete Formulierung, dieses ‚dort – im Tode – ist
das Leben erst lebenswert‘, legt die Rede von der Unsterblichkeit nahe.[xxi]
[ii] In dieser Hinsicht seien hier Wieland 1982, Martínez
Marzoa 1996 und Martínez Marzoa 2007 genannt.
[iii] Platons Zitate sind vom Verfasser übersetzt,
wobei jedoch die Übersetzungen von Schleiermacher (Eigler 1974), Rufener 1986
und Zehnpfennig 2000 an vielen Stellen übernommen wurden.
[iv] Dover 1980, 144.
[v] Man muss aber zugeben, dass der Kontext nicht
einseitig für einen Fehlschluss spricht, denn in der Zeile, die der eben
erwähnten unmittelbar folgt, beginnt Diotima mit den Worten: „Da also die Liebe immer dies ist (ὅτε δὴ τοῦτο ὁ
ἔρως ἐστὶν ἀεί) ...” (206b1), wo das ἀεί sich deutlich auf die Liebe und nicht auf den
Besitz des Guten bezieht.
[vi] Dover 1980, 145.
[vii] Es lässt sich bereits Folgendes sagen: wenn
Platon unfair ist und uns mit dem Fehlschluss täuschen will, den Diotima 206a11
f. begehe, wenn sie das ἀεί auf den Besitz des Guten
bezieht, wenn Platon also darauf bedacht ist, uns vergessen zu lassen, dass
dieses ἀεί sich nur auf die Liebe beziehen lässt – wie kann
er so naiv sein zu erlauben, dass Diotima, nachdem sie den Leser wahrscheinlich
schon getäuscht hat, ihm auf der Stelle den Trick zeigt (s. Anm. 5), den sie
eben benutzt hat?
[viii] Die mantische Beschaffenheit von Diotimas
Handlung stimmt übrigens nur allzu gut überein mit den Assoziationen, die der
Name ihrer Geburtsstadt, Mantineia, beschwört.
[ix] Auch ein Selbstmord würde in einer solchen Lage
nicht helfen, denn, sich mit ihm beeilen zu müssen, ehe einem irgendein Unglück
widerfährt, ist ein Zeichen der Angst und somit der Unglücklichkeit.
[x] Bekanntlich bedeutet eine der geläufigsten
griechischen Redewendungen, die dazu dienen, die Zukunft zu meinen, nämlich τὸ λοιπόν, τὰ λοιπά,
bezeichnenderweise eben ,der Rest‘, ,das Übrige‘.
[xi] Vgl. die Antwort Solons, als Kroisos beansprucht,
,glückselig‘ genannt zu werden: dies „sage ich dir noch nicht, bis ich erfahre,
dass du den αἰών gut beendet hast” (Herodot I
32.5). Dazu Martínez Marzoa 1995, 26 f, und 1996, 118. Zu αἰών s. folgende Anm.
[xii] Nicht von ungefähr ist ἀεί, αἰεί in der im Epos überwiegend bezeugten Form, ursprünglich der Lokativ einer
alten Dublette von αἰών, dem Wort,
das das ,Leben‘ als Intervall zwischen Geburt und Tod, das ,ganze Leben‘
bezeichnet (vgl. vorige Anm.).
[xiii] Vgl. Martínez Marzoa 1995, 110.
[xiv] Oder auch: ,Übergang‘ impliziert, dass man vom
einen zum anderen, zwischem dem einem und dem anderen, innerhalb eines
umfassenderen Ganzen ist. Es gibt also keinen möglichen Übergang, wenn jede von
den beiden Seiten, zwischen denen er stattfinden müsste, bereits das
Allumfassende ist: Die eine Seite, das Leben in seinem Sich-Entwickeln, zwar nie
vollständig, aber doch das Ganze, weil es alle Augenblicke enthält; die andere
Seite, das Leben als bereits Vollständiges und somit eben als Ganzes.
[xv] Und dies aller Interpretation der Fortpflanzung als einer Form der ,Unsterblichkeit‘ zum Trotz: auch da ist
eine solche ,Unsterblichkeit‘ noch ein Begehren nach . . ., und keine Erfüllung
des Lebens, keine Glückseligkeit.
[xvi] Vgl. Rowe 1998, 186.
[xvii] Vgl. Rowe 1998, 185, sowie Strauss 1992, 219.
[xviii] Dover 1980, 150 in Anm. zu 207c9 πολλάκις.
[xx] Herodot I 31, 3. Vgl. Anm. 11.
[xxi] Für ihre Hilfe bei der sprachlichen Überprüfung dieser Arbeit bin ich
Frau Una Sarany sehr dankbar.
Bibliographie
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von F. Schleiermacher [1824]. Darmstadt.
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die Formen des Wissens. Göttingen.
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Symposion. Übers. und hg. von B. Z. Hamburg.